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Von Toni Brunner einst an der Olma angeworben: Gossauer SVP-Kantonsrätin Claudia Martin neu höchste St.Gallerin

Mit 109 Stimmen wurde die 43-jährige Gossauer Stadträtin und Berufsfachschullehrerin Claudia Martin am ersten Junisessionstag zur neuen St.Galler Kantonsratspräsidentin gewählt. Als kompromissbereite Exekutiv- und Legislativpolitikerin und alleinerziehende Mutter ist sie nicht die typische SVP-Vertreterin.

Marcel Elsener 07.06.2021, 19.28 Uhr 

«Klar und verbindend» will Claudia Martin das Kantonsparlament leiten, das Wasser wählte sie als Symbol ihrer Antrittsrede und schenkte allen Ratsmitgliedern eine selbstgestaltete Glastrinkflasche mit St.Galler (Melser) Wasser. Als Ratspräsidentin wolle sie mithelfen, die «Wogen zu glätten», «nicht Wasser zu predigen und Wein zu trinken» und Regierung und Verwaltung «das Wasser reichen zu können».

Das Element Wasser beschäftigt Claudia Martin speziell als Gossauer Stadträtin und Departementsvorsteherin Versorgung und Sicherheit; ihre Gemeinde mit 45 Bächen lancierte sie als leitungswasserbewusste «blue community». Freilich beschränkte sie sich in der Rede auf die Symbolik, ohne das umstrittene Abstimmungsterrain der Trinkwasser-Initiative zu streifen.

Auch als Legislativpolitikerin stets «lösungsorientiert»
Claudia Martin ist die erste Gossauerin an der Spitze des Kantonsrats und beschliesst nach Bruno Cozzio (CVP, Uzwil) und im Vorjahr Daniel Baumgartner (SP, Flawil) die kleine Fürstenländer Reihe auf dem Präsidiumssitz. Jedoch ist sie nicht die erste SVP-Kantonsratspräsidentin, dieser Titel bleibt der Wangser Grundbuchverwalterin Elisabeth Schnider vorbehalten (2009/10). Den Frauenanteil hat die SVP seither nicht steigern können: Martin ist eine von nur vier Frauen in der 35-köpfigen Fraktion.

Dass sie nach den Monaten der Pandemiekrise im Rat «konstruktive Lösungen» anstrebt, liegt auf der Hand. Die 43-jährige Mutter eines sechsjährigen Buben gilt als gemässigte, konsensorientierte SVP-Politikerin, die weder eine Polemik noch das Scheinwerferlicht sucht. Vor ihrer Wahl 2013 in den Kantonsrat war sie acht Jahre lang Stadtparlamentarierin in Gossau und präsidierte zeitweise sowohl die Fraktion und die Kreispartei als auch den Rat (2006). Seit 2018 Stadträtin habe sie nun erst recht «immer gleich beide Optiken der Legislative und der Exekutive im Visier». Dies sowie die Aufgaben als Stimmenzählerin und bisherige Vizepräsidentin erklären die Zurückhaltung bei Vorstössen, die den «Wirbel» oft nicht wert seien. Als ihre prägendsten Momente im Rat nennt sie ihre Arbeit in der Staatswirtschaftlichen Kommission und bei der Revision des Feuerschutzgesetzes.

Das Lehrpensum zu Gunsten des Exekutivamts reduziert
Nachdem ihr Stadtratsmandat auf 70 Prozent erhöht wurde, hat sie ihre Tätigkeit als langjährige Berufsfachschullehrerin für Informatik, Kommunikation und Gesellschaft auf zehn Prozent oder einen halben Tag reduziert. «Ich bin wirklich gern Lehrerin, aber eben auch Politikerin», sagt sie. «Und als offener Mensch gefällt mir zunehmend der Gestaltungsspielraum im Stadtrat.» Ein Hinweis auf künftiges Interesse an einem Regierungssitz? «Gewisse Exekutivämter sind halt Vollämter, da müsste ich die Schule ganz aufgeben», meint sie mit einem Schmunzeln. «Diese Frage wird sich früher oder später stellen.» Ein Mandat in Bern hingegen schliesst sie eher aus.

Schon als alleinerziehende Mutter ist Martin keine typische SVP-Politikerin. In gesellschaftspolitischen Fragen weicht sie denn auch öfter von der Parteilinie ab, etwa wenn es um die Fremdbetreuung geht:
«Mein Sohn ging ab halbjährig in die Krippe, damit hatte ich nie Mühe. Auch die frühere Förderung oder Themen auf der Bildungsagenda sehe ich differenzierter.»

Toni Brunner gab ihr den Startschubs in die Politkarriere
Aufgewachsen in einer Gossauer Gewerblerfamilie ? ihre Grosseltern hatten ein Malergeschäft, die Eltern führten das Coop-Restaurant ?, habe sie «früh gelernt, was es heisst, einen Franken zu verdienen, bevor man ihn ausgeben kann». Als Jugendliche begann sie sich am – parteilich ungebundenen ? Familientisch und in den Nachwehen der EWR-Abstimmung für Politik zu interessieren, und in der Lehre zur Kauffrau bei der Stadtverwaltung St.Gallen schärfte die Arbeit im Betreibungs- oder Einwohneramt den Blick für soziale Realitäten.

Zur SVP kommt sie nach einem Gespräch mit Toni Brunner 2003 am Schützengarten-Stand an der Olma: «Er meinte, ich wäre noch eine für die SVP.» Zwar hätten es auch FDP oder CVP sein können, meint sie, doch nebst dem prominenten Mentor passt die Partei auch zur Thurgauer Verwandtschaft: Ihr um ein Jahr jüngerer Cousin Urs Martin war schon seit Jugendjahren politisch aktiv und ist heute Thurgauer SVP-Regierungsrat.

Als Newcomerin auf der Gossauer SVP-Liste schafft es Claudia Martin 2005 auf Anhieb ins Stadtparlament. «Diese Jahre waren eine gute Schule und eine gute Zeit.» Sie bezeichnet sich als «Animal politique» und lässt sich ungern schubladisieren. Weil sie schon früh für Wohneigentum sparte und die «freiheitliche Eigenverantwortung» schätzt, ergab sich das verbandspolitische Engagement im Vorstand des mächtigen Hauseigentümerverbands «wie selbstverständlich». Andererseits ist ihr aber auch die Ethikgruppe des Kantonsrats wichtig, als gläubige Katholikin pflegt sie gern den Austausch über Werte und die kraftspendende Besinnung vor der Session. Prompt zählt sie die Bücher des Benediktinerpaters Anselm Grün zur prägendsten Lektüre, die ihr Denkanstösse für Alltag und Politik liefere.

Frauenpolitikerin, aber keine Aktivistin
So wichtig ihr die Vorkämpferinnen für Frauenrechte sind, so wenig sind für sie Frauenstreik oder feministische Aktionstage (wie nächste Woche in St.Gallen) ein Thema. «Als 43-jährige alleinerziehende Mutter mit diesen Ämtern und diesem Rucksack bin ich durch mein Handeln vielleicht das grössere Vorbild, als wenn ich mit einer Tafel am Frauenstreik auftrete.» Sie nennt denn auch keine Frau, sondern einen SVP-Mann als politisches Vorbild: Nicht Förderer Toni Brunner oder Cousin Urs Martin, sondern Bundesrat Ueli Maurer. «Er war und ist auf allen Ebenen ein unermüdlicher Chrampfer. Er war immer geerdet, nie abgehoben, und wurde oft unterschätzt.» Eine Erfahrung, die sie selber macht? «Kann sein», meint sie zurückhaltend.

«Was ich immer wieder höre, sind Leute, die positiv überrascht sind, mich als Politikerin einmal von einer anderen Seite kennenzulernen.»

Wenig überraschend sind die Hobbys der Kantonsratspräsidentin: Kochen, Jassen, auf Flohmärkten nach alten Ansichtskarten stöbern. Schon eher verblüffend ihre Reiseleidenschaft, die sie schon nach Asien, in den arabischen Raum oder in die USA führte. Ihre Erkenntnis: «Du musst die Welt sehen, um zu sehen, wofür es sich hierzulande zu kämpfen lohnt.»


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